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LOVE & IMAGINATION von Lin Rina

[Werbung | Rezensionsexemplar]

Lin Rina kenne ich noch von „Animant Crumbs Staubchronik“, das ich vor einigen Jahren gelesen habe. Als die Autorin mich fragte, ob ich Interesse an ihrem neuen Buch „Love & Imagination“ hätte, war ich deswegen sofort neugierig – und ein natürlich gespannt, in welche Richtung es diesmal geht. Herausgekommen ist ein sapphischer Fantasy-Roman, der vor Selbstbewusstsein nur so strotzt, aber auch ein paar Fragen offenlässt.

Kaliip ist Geschichtsdozentin. Theoretisch gehört sie außerdem zu einer mächtigsten Imaginator:innen-Familien. Praktisch schafft sie es vor allem, ihr Höschen verschwinden zu lassen, und zwar immer genau dann, wenn ihre alte Schulschwärmerei Sidra auftaucht. Die ist Tätowiererin und Seherin und kann jede magische Regung sofort wahrnehmen. Was folgt, sind eine Zeitreise in eine gefährliche Vergangenheit und die Frage, ob aus jahrelangem Crush vielleicht doch mehr werden kann.

Figuren, die man mögen will

Kaliip ist der heimliche Star des Buches. Sie ist ruhig, zurückgezogen, liebt ihren geregelten Alltag – und gerät völlig aus der Fassung, sobald Sidra den Raum betritt. Diese Dynamik ist charmant und oft wirklich komisch. Sidra bleibt dagegen über weite Strecken etwas blasser, was auch daran liegt, dass wir ihre Perspektive seltener bekommen. Man merkt, dass hier zwei Frauen aufeinandertreffen, die ganz unterschiedlich mit Gefühlen umgehen – und genau daraus zieht die Geschichte ihre Spannung.

Was mir gut gefallen hat: Homosexualität ist in dieser Welt völlig normal. Kein Outing, kein Konflikt, kein Drama. Es ist einfach da. Das wirkt nicht aufgesetzt, sondern selbstverständlich – und genau das macht es so schön.

Tempo und Exposition: Ein schwieriger Balanceakt

„Love & Imagination“ beginnt ruhig. Sehr ruhig. Wir begleiten Kaliip durch ihren Uni-Alltag, lernen ihre Routinen kennen, ihre Gedanken, ihre Wohnung. Das ist liebevoll gemacht, aber es zieht sich. Ursprünglich war der Roman als Einzelband geplant, wurde dann aufgrund der Länge geteilt – und man merkt es. Die erste Hälfte ist stark expositionslastig, viele Informationen werden platziert, ohne dass sich sofort erschließt, wohin die Reise eigentlich geht. Hier hätte ein bisschen straffen hier und da sicherlich gut getan.

Das Worldbuilding wirft zudem Fragen auf, die der Band nicht beantwortet: Wieso gleicht diese Fantasy-Welt technologisch und gesellschaftlich so sehr unserer Gegenwart? Wie genau funktioniert der Metakosmos? Und ein Gefühl, das mich durchs Lesen begleitet hat: Ich war nicht immer sicher, wie viel ich hier eigentlich wissen soll und wie viel erst später kommt.

Ab der zweiten Hälfte findet das Buch trotzdem seinen Rhythmus. Die Dynamik zwischen Kaliip und Sidra gewinnt an Tiefe, die Zeitreise-Handlung nimmt Fahrt auf, und plötzlich will man wissen, wie es weitergeht. Die wechselnden Perspektiven helfen – man fühlt die „Gay Panic“ auf mit, das Hin und Her, die Missverständnisse, die kleinen Gesten. Das ist kein großes, episches Liebesdrama, sondern eher das leise Knistern, wenn zwei Menschen merken, dass sie sich näher sind, als sie dachten.

Nicht jeder Witz zündet sofort

Ein paar Worte noch zum Humor des Buches: Er ist eigenwillig. Lin Rina arbeitet viel mit Situationskomik, mit Ironie und mit Momenten, die so skurril sind, dass man vielleicht auch manchmal erstmal schluckt, bevor man schmunzelt. Das verschwindende Höschen ist so ein Moment – für die eine Leserin ein perfekter, fast schon ikonischer Einstieg, für die andere vielleicht einfach nur albern oder sogar abschreckend. Ich musste mich selbst ein paar Kapitel lang einfinden. Manche Stellen sind so überdreht, dass sie fast kippen. Wer lieber klare, pointengesteuerte Comedy mag, könnte häufiger die Stirn runzeln. Mir hat der Witz des Buchs nach einer Weile gefallen. Aber ich kann gut nachvollziehen, wenn jemand nach 50 Seiten sagt: „Das ist einfach nicht mein Humor“ – aus meinem Buchclub ging es einigen so.

Ein Buch, das Zeit braucht – und sie sich nimmt

„Love & Imagination“ ist kein Roman für zwischendurch. Wer ein straffes, handlungsgetriebenes Fantasy-Abenteuer erwartet, wird mit den ausschweifenden Beschreibungen und dem langsamen Tempo hadern. Wer sich aber darauf einlässt, bekommt eine warmherzige, humorvolle Geschichte über zwei Frauen, die füreinander bestimmt sind – und es nur noch nicht wissen.

Der Cliffhanger am Ende ist fies, aber effektiv. Auch wenn ich mir vom zweiten Band etwas mehr Klarheit im Worldbuilding wünsche, freue ich mich persönlich drauf. Trotzdem aber bleibt in mir die Frage, ob es ein Zweiteiler hätte sein müssen…

Für wen ist „Love & Imagination“ was?

  • Leser:innen, die langsames, figurenzentriertes Erzählen mögen
  • Alle, die eine sapphische Liebesgeschichte ohne Coming-out-Drama suchen
  • Fans von „Animant Crumbs“, die Lin Rinas Stil mögen

Für wen ist „Love & Imagination“ eher nichts?

  • Leser:innen, die sofort im Plot drin sein wollen
  • Alle, die wenig Geduld für ausufernde Alltagsbeschreibungen haben
  • Romantasy-Fans, die auf High Fantasy mit komplexem und gut ausgearbeiteten Magiesystem stehen

Bibliographisches zum Buch „Love & Imagination“

Reihe: Love & Imagination (Teil 1, nicht unabhängig voneinander lesbar)
Erschienen beim Drachenmondverlag am 31.10.2025.
ISBN: 978-3-95991-697-4
Umfang: 348 Seiten
Preis (Gebunden): 17,00 €
Link zur Buchseite beim Verlag

Eve Bernhardt

Eve Bernhardt ist in Göttingen aufgewachsen und liest schon so lange sie denken kann. Nach ihrem FSJ Kultur studierte sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie arbeitet als Journalistin und betreibt seit 2020 betreibt ihren eigenen Jugendbuchpodcast.

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