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SISTER SNAKE von Amanda Lee Koe

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Auf der Leipziger Buchmesse bin ich bei einem Speeddating mit Indieverlagen über Culturebooks gestolpert. Sie haben mir „Sister Snake“ so richtig schmackhaft gemacht – eine queere, feministische Neuerzählung der chinesischen „Legende der weißen Schlange“. Das klang nach magischem Realismus, Body Horror und einer ordentlichen Portion Gesellschaftskritik. Ich habe viel erwartet, und dieses Buch liefert – wenn auch ganz anders, als man vielleicht denkt.

Darum geht’s in „Sister Snake“

Su und Emerald sind Schwestern, aber nicht im biologischen Sinne. Vor über tausend Jahren waren sie Schlangen im China der Tang-Dynastie. Heute könnten ihre Leben, unsterblich und in Menschengestalt, nicht unterschiedlicher sein.

Emerald lebt als bisexuelle Sugar-Baby-Nihilistin in New York, genießt ihr Leben in vollen Zügen und wechselt die Form, wann immer ihr danach ist. Su dagegen lebt in Singapur, ist mit einem konservativen Spitzenpolitiker verheiratet und die Perfektion in Person. Sie unterdrückt ihre Schlangennatur so radikal, dass sie nicht mal mehr die Haut wechselt. Als Emerald in New York in eine gewaltsame Auseinandersetzung gerät, treffen die beiden erstmals seit Jahrzehnten wieder aufeinander – und das Chaos ist vorprogrammiert.

Eine Dynamik, die wehtut

Das Herzstück des Romans ist die Beziehung zwischen Su und Emerald. Es ist eine Art toxische „Found Family“-Beziehung über Jahrhunderte hinweg.

Emerald (die grüne Viper): Sie ist das absolute Gegenteil – „Brat“-Energy pur. Laut, queer, ungeschönt. Dass sie in New York mit ihrem schwulen Mitbewohner Bartek lebt, gibt der Geschichte einen modernen, pulsierenden Drive.

Su (die weiße Krait): Sie ist anstrengend, weil sie so verbissen versucht, „normal“ zu sein. Ihre Angst vor der eigenen Wildheit ist fast greifbar. Man möchte sie schütteln, damit sie endlich mal ordentlich zischt.

Was Koe hier zeigt: Niemand kann dich so tief verletzen wie die Person, die dich seit schon dein Leben lang kennt. Die Chemie zwischen den beiden ist nicht einfach nur geprägt von Schwesternliebe, sondern von einem ständigen gegenseitigen Belauern und Retten. Wie eine echte Geschwisterbeziehung eben auch. 

Singapur: Zwischen Hochglanz und Abgrund

Besonders spannend fand ich die Darstellung von Singapur. (Hier sei angemerkt: Ich war selbst noch nie dort und habe auch keinen persönlichen Bezug zu der Stadz). Su repräsentiert das Singapur, das wir aus „Crazy Rich Asians“ kennen: sauber, reich, geregelt. Aber durch Emerald und ihre neue Freundin Tik (eine lesbische Sicherheitsbeamtin) blicken wir hinter die Fassade. Koe spart nicht an Kritik am politischen System und der konservativen Gesellschaft. Dass sie dabei Themen wie Queerness, Transidentität und den Druck zur Anpassung so radikal einwebt, wirkt dabei auf mich als Außenstehende nicht nur mutig, sondern auch bitter nötig.

Messerscharf mit Hang zum Horror

Der Schreibstil ist… speziell. Das aber im besten Sinne! Er ist unfassbar immersiv, urban, oft lustig („Er sieht aus, als würde er Chili essen und dann Durchfall bekommen“), kann aber innerhalb eines Satzes in absoluten Body Horror umschlagen. Wer bei Beschreibungen von Häutungen, dem Fressen von rohen Eiern oder dem Aussaugen von Lebensenergie (Chi) empfindlich ist, sollte vorsichtig sein. Das Ende im Parlament? Absolut filmreif und verstörend.

Fazit: Ein wilder Ritt durch die Jahrhunderte

Obwohl sich die beiden Protagonistinnen aus „Sister Snake“ transformieren können, ist das Buch kein typischer Fantasy-Roman. Wer epische Schlachten erwartet, wird enttäuscht. Es ist eher literarische Fiktion mit magischen Elemente oder anders: ein Gesellschaftsroman mit einer kleinen Prise Phantastik. Es ist eine Geschichte über das „Passing“ (also das Durchgehen als etwas, das man eigentlich nicht ist) und den Preis der Freiheit.

Manchmal verliert sich das Buch fast in seinen eigenen Ambitionen und den vielen POV-Wechseln (sogar Sus Ehemann Paul bekommt eine Stimme, was überraschend viel Tiefe gibt), aber die Wucht der Erzählung macht das wett. Für mich ein absolutes Highlight.

Für wen ist „Sister Snake“ was?

  • Fans von anspruchsvollen Retellings: Wer die „Legende der weißen Schlange“ kennt, wird die cleveren Umdeutungen bestimmt liebe, sie zu kennen, ist aber kein Muss.
  • Queer-Lit-Liebhaber: Die Themen Identität und Wahlfamilie stehen absolut im Fokus.
  • Leute, die Singapur mal anders sehen wollen: Abseits der Touristenpfade.

Für wen ist „Sister Snake“ eher nichts?

  • High-Fantasy-Puristen: Das Buch spielt in unserer Welt, die fantastischen Elemente sind marginal.
  • Zartbesaitete: Der Body Horror ist teilweise sehr explizit.
  • Fans von großen Romanzen: Die Liebe zwischen den Schlangen und ihren Ummenschen ist kompliziert, düster und oft schmerzhaft.

Bibliographisches zum Buch „Sister Snake“

Erschienen bei culturebooks am 09.04.2026
Übersetzt von Zoë Beck
ISBN: 978-3-95988-252-1
Umfang: 328 Seiten
Preis (Hardcover): 24 €
Link zur Buchseite beim Verlag

Eve Bernhardt

Eve Bernhardt ist in Göttingen aufgewachsen und liest schon so lange sie denken kann. Nach ihrem FSJ Kultur studierte sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie arbeitet als Journalistin und betreibt seit 2020 betreibt ihren eigenen Jugendbuchpodcast.

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