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LES BOUTTIERS – WIR SIND JETZT von Antonia Wesseling

Seit Antonias Wesselings Autobiografie „Wie viel wiegt mein Leben“ habe ich jede ihrer Neuerscheinungen gelesen – umso gespannter war ich auf den Auftakt ihrer neuen Reihe. „Les Bouttiers – Wir sind jetzt“ verspricht Paris, Mode, Familiengeheimnisse und eine Heldin, die mit alten Träumen und neuen Herausforderungen konfrontiert wird.

Worum es geht: Elodie wollte eigentlich als Läuferin zu den Olympischen Spielen, doch ein Trainingsunfall macht diesen Traum zunichte. Als ihr Großvater die Familie nach Paris ruft – das traditionsreiche Modehaus Bouttier steckt in Schwierigkeiten und braucht juristischen Rat – zögert sie zunächst. Sie war seit langem nicht mehr dort, verbindet den Tod ihrer Mutter mit der Stadt. Doch dann findet sie ihren Freund Phillip in der gemeinsamen Wohnung mit ihrer besten Freundin vor, und plötzlich hält sie nichts mehr in Zürich.

In Paris angekommen, muss Elodie sich nicht nur mit altem Schmerz, sondern auch alten Gefühlen für ihren Cousin Gabriel und mit ihrer wachsenden Anziehung zu Adam auseinandersetzen, dem Sohn des Konkurrenzlabels. Parallel dazu kämpft das Modehaus Bouttier ums Überleben, Elodies Großmutter sträubt sich gegen moderne Designs, und dunkle Familiengeheimnisse rund um den tödlichen Unfall ihrer Mutter drängen ans Licht.

Das Setting in „Les Bouttiers – Wir sind jetzt“ : Paris, Mode, Atmosphäre

Das Buch punktet vor allem mit seinem Setting. Wesseling versteht es, Paris als Kulisse für Glamour und Abgründe zu inszenieren. Man riecht fast den Kaffee in den Straßencafés, spürt den Stoff der Kleider unter den Fingern und taucht ein in eine Welt, in der der schöne Schein oft trügt. Die Kapitel beginnen jeweils mit dem Hinweis, welche:r der drei Protagonist:innen gerade erzählt, und einer kleinen Illustration eines Paars Schuhe – ein Detail, das ich charmant fand.

Der Schreibstil ist flüssig, die Kapitellänge angenehm, die Zeitsprünge gut nachvollziehbar. Wesseling schafft es, dass die Emotionen ihrer Figuren zu den Emotionen der Lesenden werden. Ich habe mitgefühlt, mitgelitten, mitgehofft.

Die Figuren: Elodie überzeugt, die Männer bleiben blass

Elodie ist zweifellos das Herzstück des Romans. Ihre Entwicklung von der verletzten Ex-Sportlerin zur Frau, die sich ihren Träumen wieder öffnet, ist glaubwürdig und berührend geschrieben. Man versteht ihre Zerrissenheit, ihre Sehnsucht, ihre Angst vor erneutem Scheitern.

Bei den männlichen Hauptfiguren bin ich mir weniger sicher. Die Beziehung zu Adam blieb für mich zu stark auf das Körperliche reduziert – mir fehlte die emotionale Tiefe, die echte Chemie, die über Anziehung hinausgeht. Ich konnte nicht so recht fassen, was Elodie an ihm findet, außer dass er gut aussieht und verboten wirkt.

Noch irritierender fand ich die angedeutete Anziehung zu Gabriel. Dass er ihr Cousin ist – wenn auch adoptiert und nicht blutsverwandt – hat bei mir erstmal Fragezeichen ausgelöst, aber mich persönlich beim Lesen nicht so sehr gestört wie vielleicht andere Leser:innen. Viel mehr war es die Effekthascherei, die bei dieser Dynamik mitschwang, die ich nicht mochte: Sie wirkte irgendwie wie das einzige Element, das die Beziehung zwischen den beiden wirklich aufregend machen sollte. Dabei hätte ich mir gewünscht, dass die Spannung sich aus den Charakteren selbst speist – aus ihren Verletzungen, ihren Sehnsüchten, ihrer gemeinsamen Geschichte – und nicht aus dem reinen Tabubruch.

Die Handlung: Gelungener Mix, aber nicht jede Entscheidung nachvollziehbar

Die Mischung aus Modewelt, Familiendrama und Intrigen funktioniert größtenteils gut. Die Geheimnisse um Elodies Mutter, die Machenschaften der Konkurrenz und der Druck, unter dem das Modehaus steht, erzeugen Spannung und machen neugierig auf die Fortsetzung.

Allerdings waren mir manche Figurenentscheidungen schwer nachvollziehbar. Dass Elodie sich immer wieder auf Adam einlässt, obwohl er mehrfach gezeigt hat, dass er nicht vertrauenswürdig ist, hat mich irgendwann genervt. Und Gabriels Rolle bleibt über weite Strecken zu vage, um wirklich mitfiebern zu können.

Das letzte Drittel des Buches zieht das Tempo an, und das Ende hat zum Glück es in sich. Wesseling erreicht in ihrer Geschichte hier eine Eskalationsstufe, die mich fassungslos zurückgelassen hat – im besten Sinne. Ich will unbedingt wissen, wie es weitergeht, auch wenn ich Angst habe, dass mein Herz den zweiten Band nicht unbeschadet übersteht.

Ein solider Auftakt mit Luft nach oben

„Les Bouttiers – Wir sind jetzt“ ist somit ein lesenswerter Einstieg in eine vielversprechende Reihe. Das Setting ist stark, die Atmosphäre dicht, Elodie als Figur trägt die Geschichte. Dass die männlichen Hauptfiguren blass bleiben und nicht jede romantische Entscheidung nachvollziehbar ist, trübt den Gesamteindruck, macht das Buch aber nicht kaputt.

Wer auf Mode, Familiengeheimnisse und große Gefühle steht, wird hier gut unterhalten. Ich bin gespannt auf Band zwei – und hoffe, dass er die Beziehungen etwas tiefer ausarbeitet und die Chemie zwischen den Figuren mehr Raum bekommt.

Für wen ist „Les Bouttiers – Wir sind jetzt“ was?

  • Leser:innen, die Paris lieben und in die Modewelt eintauchen wollen
  • Alle, die auf Familiendramen mit dunklen Geheimnissen stehen
  • Fans von Antonias Wesselings Schreibstil und emotionalen Figuren

Für wen ist „Les Bouttiers – Wir sind jetzt“ eher nichts?

  • Leser:innen, die eine tief ausgearbeitete Lovestory erwarten
  • Alle, die mit (nicht-blutsverwandten) Cousin-Beziehungen fremdeln
  • Menschen, die nachvollziehbare Figurenentscheidungen brauchen

Bibliographisches zum Buch „Les Bouttiers – Wir sind jetzt“

Reihe: Les Bouttiers (Teil 1, nicht unabhängig voneinander lesbar)
Erschienen bei Ullstein am 29.01.2026.
ISBN: 978-3-9897800-1-9
Umfang: 468 Seiten
Preis (Taschenbuch): 16,99 €
Link zur Buchseite beim Verlag


Die Podcastfolge in der ich „Wie viel wiegt mein Leben“ besprochen habe

Eve Bernhardt

Eve Bernhardt ist in Göttingen aufgewachsen und liest schon so lange sie denken kann. Nach ihrem FSJ Kultur studierte sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie arbeitet als Journalistin und betreibt seit 2020 betreibt ihren eigenen Jugendbuchpodcast.

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