Emily Henry ist so eine Sache bei mir. Viele ihrer Bücher funktionieren für andere Leser:innen wunderbar, ich selbst habe mich mit „Book Lovers“ und „Funny Story“ auch gut unterhalten gefühlt. Aber „People We Meet on Vacation“ – ein Buch von ihr, das jetzt mit Tom Blyth und Emily Bader verfilmt wurde – habe ich gleich zweimal versucht zu lesen, weil mir die Idee dahinter gefiel und zweimal abgebrochen, bevor ich mir dachte: Vielleicht funktioniert ja der Film besser. Tat er für mich. Also gab ich dem Buch eine dritte Chance.
Im Deutschen ist das Buch unter dem Titel „Kein Sommer ohne dich“ erschienen.
Die Prämisse: Poppy und Alex könnten unterschiedlicher nicht sein: Sie ist laut, chaotisch, lebt in New York und arbeitet als Reisejournalistin. Er ist ruhig, strukturiert, Englischlehrer in ihrer kleinstädtischen Heimat Ohio. Seit dem College verbindet sie eine enge Freundschaft, die sich in jährlichen gemeinsamen Sommerreisen manifestiert. Bis es in Kroatien zu einem betrunkenen Kuss kommt, nach dem sie zwei Jahre lang kein Wort mehr miteinander reden. Als Poppy realisiert, dass sie seitdem nicht mehr glücklich war, überredet sie Alex zu einem letzten gemeinsamen Trip – nach Palm Springs, wo er ohnehin zur Hochzeit seines Bruders muss.
Das Problem mit Poppy
Poppy soll quirky, charmant und liebenswert chaotisch sein. Aber: Sie redet viel, aber selten substanziell. Ihre inneren Monologe sind so lang und abschweifend, dass ich regelmäßig weggedriftet bin. Und ihre Handlungen? Die sprechen nicht unbedingt für eine Frau, die ihren besten Freund über alles liebt.
Alex fliegt nach New York, als Poppy krank ist, und verzichtet dafür auf ihre gemeinsame Norwegen-Reise. Was tut Poppy, als Alex sich in Palm Springs den Rücken verrenkt? Sie lässt ihn in der brütend heißen Wohnung liegen und geht auf Sightseeing und bringt ihm am Ende des Tages Joghurt und eine Wärmesalbe mit. Dass Alex sie liebt, wird im Buch deutlich gezeigt. Dass Poppy ihn liebt, wird einem vor allem gesagt.
Das Problem mit der Struktur
Emily Henry erzählt ihre Geschichte im Wechsel zwischen Gegenwart (Palm Springs) und Vergangenheit. Das ist an sich eine sinnvolle Entscheidung, um die Entwicklung der Freundschaft und die wachsende Spannung zwischen den beiden abzubilden. Bei mir hat sie leider nicht gezündet.
Die Zeitsprünge fühlten sich für mich weniger wie ein organischer Erzählfluss an, sondern eher wie ein ständiges Hin und Her, das mich nie wirklich in die Geschichte hineinfinden ließ. Gerade wenn ich mich in einem Handlungsstrang eingelebt hatte, wechselte die Perspektive wieder. Das Buch hat mich auf diese Weise schlicht nicht bekommen. Ich habe mich durch die Kapitel gekämpft, statt sie zu genießen.
Der Film löst dieses Problem elegant: Er erzählt linearer, arbeitet mit wenigen, klar gesetzten Rückblenden und konzentriert sich auf das Wesentliche. Dadurch gewinnt die Dynamik zwischen Poppy und Alex enorm an Zugkraft.
Das Problem mit der Vorhersehbarkeit
Natürlich ist ein zeitgenössischer Liebesroman selten ein Krimi. Dass am Ende alles gut wird, ist kein Spoiler, sondern eine Genrekonvention. Aber es gibt einen Unterschied zwischen wohliger Vorhersehbarkeit und dem Gefühl, jeden Plotpunkt schon zwanzig Seiten vorher absehen zu können. Wer den Friends-to-Lovers-Trope mag, wird hier bedient. Wer sich nach einer frischen Variation sehnt, sucht aber vergebens.
Das Problem mit der Charakterentwicklung
Eine Freundin von mir hat es in etwa so formuliert: „Die Figuren gehen einfach in Therapie und sind dann geheilt – das ist eine billige und faule Art, Charakterentwicklung vorzutäuschen.“ Genau das.
Poppy und Alex haben offenbar beide zwischen dem Kroatien-Debakel und der Palm-Springs-Reise therapeutische Arbeit an sich geleistet. Das erfahren wir beiläufig. Was wir nicht sehen: wie sie sich verändern, wie sie an sich arbeiten, wie sie aus ihren Mustern ausbrechen. Stattdessen wird uns erzählt, dass sie es getan haben. Das mag im echten Leben funktionieren – im Roman fühlt es sich an wie eine Abkürzung, die sich die Autorin genommen hat.
Der Film macht es besser
Ich habe den Film gesehen, bevor ich dem Buch die dritte Chance gab. Und ich mochte ihn. Tom Blyth und Emily Bader haben eine Chemie, die das Drehbuch gar nicht erst erklären muss – die sieht man einfach. Die Entscheidung, Davids Hochzeit nach Barcelona zu verlegen, gibt der Geschichte visuell mehr her. Der Verzicht auf Poppys Zwillingsbrüder und Alex‘ drei Geschwister strafft die Handlung. Und Alex‘ Katze Flannery O’Connor wurde durch einen Dackel namens Kenny G ersetzt – ein Detail, das ich fast schon poetisch fand, weil es Alex‘ irrationalen Hass auf Saxofon-Musik aufgreift, der ihn und Poppy auf der ersten gemeinsamen Fahrt zusammenschweißte.
Der Film nimmt sich Freiheiten, die dem Buch gutgetan hätten. Er ist fokussierter, humorvoller und vor allem: emotional zugänglicher. Und er transportieren mehr Zuneigung als ewig lang Poppys verworrene Gedankenwelten – versteht mich nicht falsch, auch das wäre pauschal nicht schlecht, wirkt hier aber nicht so ganz beabsichtigt. Dafür macht er auch ein paar Abstriche: Alex zum Beispiel wirkt etwas blasser gezeichnet. Ein Kompromiss, den ich aber bereit bin einzugehen, gerade weil es sich eben um einen knapp zweistündigen Spielfilm und keine Verfilmung in Serienformat handelt.
Das falsche Buch zur falschen Zeit – oder doch einfach das falsche Buch?
Ich will Emily Henry nicht unrecht tun. „People We Meet on Vacation“ hat unzählige Leser:innen berührt, und ich verstehe, warum. Wer auf wohlfühlige, vorhersehbare Romance mit Freunde-zu-Liebenden-Dynamik steht, wird hier glücklich. Aber für mich hat es nicht funktioniert – weder beim ersten, zweiten noch dritten Anlauf.
Poppy war mir zu anstrengend, Alex zu sehr Ideal und zu wenig Mensch, die Struktur zu zersplittert, die Entwicklung zu bequem. Der Film hat mir gezeigt, dass in dieser Geschichte etwas steckt, das mich erreichen kann. Das Buch leider nicht.
Für wen ist das Buch „People We Meet on Vacation“ was?
- Leser:innen, die Friends-to-Lovers lieben und keine Experimente suchen
- Alle, die mit einer chaotischen, nicht immer sympathischen Protagonistin umgehen können
- Emily-Henry-Vollständigkeitsleser:innen
Für wen ist das Buch „People We Meet on Vacation“ eher nichts?
- Leser:innen, die frische Perspektiven auf bekannte Tropes suchen
- Alle, die Charakterentwicklung sehen wollen, statt nur davon zu hören
- Menschen, die mit verschachtelten Zeitsprüngen kämpfen
Bibliographisches zum Buch „People We Meet on Vacation“
Erschienen im Deutschen bei Knaur Taschenbuch am 01.07.2022
Deutscher Titel: Kein Sommer ohne dich
ISBN: 978-3-426-52519-7
Umfang: 432 Seiten
Preis (Taschenbuch): 13,00 €
Übersetzt von: Katharina Naumann
Link zur Buchseite beim Verlag
Filmadaption: Netflix, 2026, Regie: Michael Showalter, mit Tom Blyth und Emily Bader, 1h 58min.