Startseite » Rezensionen » HALF HIS AGE von Jennette McCurdy

HALF HIS AGE von Jennette McCurdy

Welches Buch hat euch nach dem Lesen in letzter Zeit nicht mehr losgelassen? Bei mir ist es gerade „Half His Age“ von Jennette McCurdy. Ich habe schon ihre Autobiografie „I’m Glad My Mom Died“ geliebt – nicht, weil es ein schönes Buch war, sondern weil es so roh, wütend und ungeschönt daherkam. Ich mochte ihre Stimme: diese Mischung aus Schmerz, Selbstironie und beißendem Humor. Und ich wusste beim Lesen: Von ihr würde ich gern noch mehr lesen. Als dann ihr Debütroman „Half His Age“ angekündigt wurde, war für mich klar: Den muss ich lesen.

Worum es in „Half His Age“ von Jeanette McCurdy geht

Waldo ist 17, lebt in Anchorage in Alaska, und ist in ihrer Familie weitgehend auf sich allein gestellt. Der Vater spielt keine Rolle, die Mutter ist vor allem mit ihrem Freund beschäftigt und meistens nur auf Post-its präsent. Ihre beste Freundin Frannie kommt aus einer Mormonenfamilie und ist das genaue Gegenteil: geordnet, zielstrebig, bereits mit festem Freund. Zwischen diesen beiden Extremen findet Waldo kaum Halt.

Im letzten Highschool-Jahr begegnet sie Mr. Korgy, ihrem Kreatives-Schreiben-Lehrer. Er ist Mitte 40, verheiratet, Vater und ein gescheiterter Schriftsteller, der sich von den Eltern seiner Frau aushalten lässt. Waldo ist fasziniert – gerade weil er nicht perfekt ist. Seine vermeintlichen Unzulänglichkeiten ziehen sie an, sie glaubt, in ihm etwas Echtes zu erkennen. Also beschließt sie, ihn zu erobern.

Ist das „Lolita“?

Der Vergleich mit Vladimir Nabokovs Klassiker liegt nahe, aber für mich führt er in die falsche Richtung. Bei Nabokov erzählt Humbert Humbert aus der Perspektive des Täters, rechtfertigt sich, belügt sich selbst. Bei McCurdy erzählt Waldo – eine 17-Jährige, die sich verliebt hat. Sie macht den ersten Schritt, sie umwirbt ihn, sie ist überzeugt, die Kontrolle zu haben. Mr. Korgy hingegen inszeniert sich ihr gegenüber als Opfer seiner Gefühle und überträgt ihr die Verantwortung.

Was der Roman klug macht: Er moralisiert nicht. McCurdy lässt Waldo ihre Beziehung romantisieren – und zwingt uns als Leser:innen, diese Perspektive auszuhalten. Dass Waldo Ja sagt, heißt nicht, dass dieses Ja in einem fairen Gefälle fällt. Aber der Roman überlässt es uns, diese Spannung auszuhalten, statt sie aufzulösen.

Eine Heldin, die sich selbst täuscht

Waldo ist keine einfache Protagonistin. Sie ist laut, trotzig und oft anstrengend – aber sie ist auch verletzlich und auf eine Weise klug, die sie selbst nicht durchschaut. Ihr Problem: Sie weiß nicht, was sie will, aber sie weiß, dass sie etwas will. Diese Unbestimmtheit treibt die gesamte Handlung voran.

Der Roman lebt von Jeanette McCurdys markanter, direkter, sarkastischer und manchmal unerträglich nahen Erzählstimme. Sie schreibt in kurzen Kapiteln, die manchmal an Instagram-Posts oder Chatverläufe erinnern – das ist sicher nicht jedermanns Stil, aber es passt zu Waldo. Besonders in Erinnerung bleiben mir dabei die Chatverläufen zwischen Waldo und Mr. Korgy, in denen sich die Dynamik der Beziehung auf wenige Zeilen verdichtet: Waldos punktierte Nachrichten, seine verzweifelten Rückfragen, ihr Schweigen.

Die Grauzone aushalten

Was mir beim Lesen am meisten zugesetzt hat, war die Spannung zwischen Waldos Gefühlen und der Situation, in der sie sich befindet. Sie kann ihren Lehrer wirklich begehren. Sie kann sich wirklich in ihn verlieben. Sie kann wirklich glauben, dass sie die Kontrolle hat. Und gleichzeitig kann das, was zwischen den beiden passiert, falsch und ausbeuterisch sein. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Genau diese Grauzone stellt McCurdy eindrücklich dar – und sie nicht aufzulösen, ist eine bewusste Entscheidung.

Das macht das Lesen anstrengend. Es ist kein Buch, das einen behütet oder erklärt, was man fühlen soll. Es verlangt einem ab, sich die eigene Haltung zur Geschichte zu erarbeiten. Und es ist kein Buch für jeden – das sollte klar sein.

Fazit: Ein unbequemes Buch, das lange nachwirkt

„Half His Age“ ist kein Wohlfühlbuch. Es hat keine klare moralische Botschaft – die gibt es eher unterschwellig. Das Buch erklärt Missbrauch auch nicht oder betrachtet ihn distanziert. Es zeigt und fordert in gewissem Maße, dass seine Leser:innen selbst entscheiden, was sie damit anfangen.

Wer McCurdys Memoir mochte, wird ihre Stimme hier wiedererkennen. Und Bücher sucht, die sich trauen, unangenehm zu sein, sollte zugreifen. Aber vielleicht mit dem Bewusstsein, dass man danach erstmal sacken lassen muss.

Für wen ist „Half His Age“ was?

  • Leser:innen, die psychologische Gegenwartsromane mögen, in denen Begehren, Macht und Scham verknüpft sind
  • Alle, die mit unangenehmen Perspektiven umgehen können
  • Fans von Caroline Wahl oder Rachel Kushner, die ähnlich dichte, wütende Erzählstimmen schätzen

Für wen ist „Half His Age“ eher nichts?

  • Leser:innen, die Eindeutigkeit suchen und keine Grautöne aushalten möchten
  • Alle, die einen schnellen, plotgetriebenen Roman erwarten
  • Menschen, die explizite Szenen und (bzw. auch in) unangenehmen Machtdynamiken nicht abkönnen

Bibliographisches zur deutschen Ausgabe vom Buch „Half his Age“

„Half His Age“ im deutschen Erschienen bei Blumenbar

Erschienen im Deutschen bei Blumenbar am 13.01.2026.
Übersetzt von: Olivia Kuderewski
ISBN: 978-3-351-05146-4
Umfang: 331 Seiten
Preis (Hardcover): 24 €
Link zur Buchseite beim Verlag

Eve Bernhardt

Eve Bernhardt ist in Göttingen aufgewachsen und liest schon so lange sie denken kann. Nach ihrem FSJ Kultur studierte sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie arbeitet als Journalistin und betreibt seit 2020 betreibt ihren eigenen Jugendbuchpodcast.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zurück nach oben