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YESTERYEAR von Caro Claire Burke

Ich habe dieses Buch in letzter Zeit immer wieder in meinen Feed gespült bekommen und alle haben es gefeiert. Aber wo bleibt der große Hype? „Yesteryear“ von Caro Claire Burke ist so aktuell, dass es fast wehtut. Es geht um Tradwifes, die toxische Welt der Momfluencer und die dunkle Seite der Content-Erstellung auf dem Rücken von Kindern – Themen, bei denen ich persönlich ja sofort Puls bekomme. Dann noch das Thema Zeitreise? „A Match straight from Hell“. Ich musste es also lesen, und was soll ich sagen: Es ist ein absolut verstörender, genialer Ritt.

Darum geht’s: Sauerteig, Schürzen und bittere Lügen

Natalie Heller Mills heißt die Frau hinter dem „Yesteryear Ranch“-Account. Acht Millionen Follower schauen ihr dabei zu, wie sie im Idaho-Pionier-Look Sauerteig knetet, mit ihren Hühnern flirtet und das perfekte christliche Familienleben inszeniert. Das Problem: Alles ist gelogen. Hinter der Kamera verstecken sich zwei Nannies, modernste Küchengeräte sind in Vintage-Schränken verbaut und Pestizide im Biogemüse. Und dann ist da noch Natalies Verachtung für ihr eigenes Leben. Natalie gibt offen zu, dass sie nach der ersten Geburt „um den Tod gebetet“ hat – ein Tabubruch, der zeigt, wie sehr sie sich in eine Rolle gepresst hat, die sie eigentlich hasst.

Eines Morgens wacht Natalie auf und ist wirklich im Jahr 1855. Ohne Cashmere, ohne Filter und ohne die Nannies, die eigentlich ihre Kinder großziehen. Jetzt muss sie die Rolle der „starken Pionierfrau“ spielen, die sie online immer nur vorgetäuscht hat. 

Als Leser:innen springen wir zwischen beiden Zeitebenen. Irgendwann beginnen beide immer mehr zu bröckeln. 

Eine Heldin zum Hassen (und nicht Wegsehen können)

Natalie ist eine dieser Protagonistinnen, die man am liebsten nach fünf Seiten abschreiben würde. Sie ist narzisstisch, grausam und eine Heuchlerin. Aber – und das ist die Kunst von Burke – man kann nicht aufhören, zu lesen. Sie ist wie ein Autounfall in Zeitlupe, bei dem man die Trümmerteile im Sonnenuntergangsfilter durch die Luft schweben sieht.

Besonders krass: Wie sie über ihre Kinder spricht. Sie nutzt sie als Requisiten für ihren Content, hat aber eigentlich keine Bindung zu ihnen. Als Leser:in möchte man die Kleinen einfach nur da rausholen. 

Satire, die ins Mark trifft

Das Buch ist eine messerscharfe Abrechnung mit der Social-Media-Kultur. Natalie ist besessen von der Vergangenheit, weil sie dort die ultimative Kontrolle vermutet. Dass sie dann tatsächlich im harten 1855 landet, ist das perfekte „Be careful what you wish for“. Burke schreibt das Ganze so bissig, dass einem das Lachen oft im Hals stecken bleibt. Uff.

ACHTUNG SPOILER: Ein krasser Twist 

Der größte Schock in „Yesteryear“ ist nicht die Landung im Jahr 1855, sondern die Erkenntnis am Ende: Was wir als Leser:innen miterleben, ist ein massiver psychotischer Zusammenbruch.

Die Diskrepanz zwischen ihrem „perfekten“ Online-Leben und der hohlen Realität spaltet ihre Psyche buchstäblich. Sie steigert sich so sehr in die Idee der Vergangenheit hinein, um ihrem ungeliebten Alltag zu entfliehen, dass sie sich ihre Parallelwelt einfach selbst schafft und komplett den Bezug zur Welt verliert. Den Twist habe ich so tatsächlich absolut nicht kommensehen. 

Fazit: Messerscharf und verstörend

„Yesteryear“ ist mehr als nur eine Zeitreise- oder „Die bösen Influencer“-Geschichte. Es ist eine Studie über den Drang nach Perfektion und die Leere, die bleibt, wenn man sein ganzes Leben für Klicks verkauft. Das Ende hat mich komplett kalt erwischt – ich habe die Hinweise zwar gesehen, aber den Twist in dieser Härte nicht kommen sehen.

Dass Anne Hathaway bereits für die Amazon-Verfilmung unterschrieben hat, wundert mich nicht. Diese Rolle ist pures Gold für jede Schauspielerin, die Lust auf eine richtig abgründige Antiheldin hat.


Für wen ist „Yesteryear“ was?

  • Kritische Beobachter:innen der Tradwife-Szene: Wer sich auch über die „Insta-Perfektion“ aufregt, wird dieses Buch lieben.
  • Fans von unkonventionellen Satiren: Wenn du Yellowface oder Gone Girl mochtest, bist du hier richtig.
  • Leser:innen, die ungeschönte Wahrheiten über Mutterschaft und Erwartungen vertragen: Hier wird nichts weichgezeichnet, auch wenn die Protagonistin es für ihre Followerinnen versucht.

Für wen ist „Yesteryear“ eher nichts?

  • Leute, die „sympathische“ Charaktere brauchen: Natalie ist eine Katastrophe auf zwei Beinen.
  • Fans von heiler Welt: Dieses Buch dekonstruiert das Konzept der „heilen Familie“ bis auf die Grundmauern.
  • Fans von seichter Literatur: Der Einblick in Natalies Psyche und die Brutalität des 19. Jahrhunderts ist teilweise sehr düster.

Bibliographisches zur deutschen Ausgabe vom Buch „Yesteryear“

Das deutsche Cover zum Buch „Yesteryear“ von Caro Claire Burke, erschienen im April 2026 bei Heyne,

Erschienen im Deutschen bei Heyne am 29.04.2026.
Übersetzt von: Dietlind Falk, Lisa Kögeböhn
ISBN: 978-3-453-27535-5
Umfang: 464 Seiten
Preis (Hardcover): 24 €
Link zur Buchseite beim Verlag

Eve Bernhardt

Eve Bernhardt ist in Göttingen aufgewachsen und liest schon so lange sie denken kann. Nach ihrem FSJ Kultur studierte sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie arbeitet als Journalistin und betreibt seit 2020 betreibt ihren eigenen Jugendbuchpodcast.

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