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PARASITI von Alisha Gamisch

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Alisha Gamischs Debütroman „Parasiti“ habe wurde bei einem Indie-Verlag-Speeddating auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt und ich war direkt Feuer und Flamme. Als ich das Buch dann ein paar Wochen später aufgeschlagen habe, las ich: „Etwas hat sich eingeschlichen, etwas, womit Valli nicht gerechnet hatte.“ Und sofort war ich in der Geschichte drin..

Worum es in „Parasiti“ von Alisha Gamisch geht

Fürstenfeldbruck, 2021. Großmutter Lydia sitzt regungslos im Wohnzimmer, hält eine kleine rosa Plastikfigur in der Hand – die Nachbildung eines Embryos, den Abtreibungsgegner in die Briefkästen der Siedlung geworfen haben. Sie ist in eine Starre verfallen. Ihre Enkelin Rina und ihre Nichte Valli versuchen alles, sie wieder daraus zu holen. Nichts hilft. Erst als Valli ein altes Fotoalbum aufschlägt und ein Bild aus Sibirien zeigt, bewegt sich Lydia. Sie spricht. Was sie sagt? „Parasit!“ Und kurz darauf: „Kuckugskind!“

Von hier aus erzählt Alisha Gamisch die Geschichte dreier russlanddeutscher Frauen – über mehrere Generationen und zwischen den Schauplätzen Nowosibirsk in den 1960er Jahren und Fürstenfeldbruck im Jahr 2021. Es geht um Deportation, Zwangsarbeit, Migration, Abtreibung, Sexualität – und um das Schweigen, das in dieser Familie weitergegeben wurde.

Schweigen als Überlebensstrategie

Besonders gelungen finde ich die Figurenkonstellation. Lydia, die Großmutter, lebte vor ihrer Deportation in Nowosibirsk in einer Holzbaracke ohne Strom und fließendes Wasser, teilte den Raum mit ihrem trinkenden Mann, der kleinen Tochter und dem ständig nörgelnden Schwiegervater. Sie arbeitete als Näherin und musste ihren gesamten Lohn abtreten.

Ihr Körper war nicht wirklich ihrer – Verhütungsmittel waren in der Sowjetunion teuer und rar, Abtreibungen legal und kostenlos und wurden so zum einzigen Mittel der Familienplanung. In ihrem Leben in der Sowjetunion war Schweigen überlebensnotwendig. Wer zu viel sprach, wer auffiel, wer sich beschwerte, setzte sich und andere dem Staat aus. 

Was Gamisch hier zeigt, ist eine Frau, die funktionieren muss. Ordnung ist für Lydia keine Marotte, sondern eine Antwort auf Verhältnisse, in denen andere über sie verfügen. Sie hält durch, indem sie sich anpasst – aber sie versteckt auch heimlich Geld und schließt heimlich das Fenster, wenn der Schwiegervater nicht hinsieht. Diese kleinen Akte des Widerstands sind vielleicht unspektakulärer als eine Revolution, aber sie sind nicht weniger relevant.

Drei Frauen, drei Perspektiven

Valli ist nicht Lydias Tochter, sondern ihre Nichte, und doch teilt sie mit ihr ein Haus und eine Geschichte. Sie weiß Dinge, die Rina nicht weiß – aber sie erzählt nicht alles. Manches behält sie für sich, aus Scham, aus Schutz, aus Gewohnheit. Genau das macht sie zu einer wichtigen Figur im Gefüge der Familie.

Rina, die Enkelin, ist diejenige, die fragt. Sie will verstehen, warum ihre Großmutter schweigt, was damals passiert ist. Aber Fragen sind auch Eingriffe, und Gamisch zeigt, dass das Erzählen von Familiengeschichte nicht einfach ist: Wer erzählt, ordnet, entscheidet, was vorkommt, was erklärbar ist und was besser hinter einer Tür bleibt.

Was mich an diesem Roman am meisten beeindruckt hat, ist die Wut. Sie ist in jeder Figur auf ihre Weise präsent: in Lydias Schweigen, das mehr ist als eine Leerstelle, sondern ein Ausdruck tiefer, nie ausgesprochener Wut darüber, was ihr angetan wurde. In Vallis Scham, die sie zu einem selektiven Erzählen zwingt. Und in Rinas Ungeduld, die aus dem Gefühl des Ausgeschlossen-Seins entsteht.

Wut ist hier nicht etwas, das sich entlädt, sondern etwas, das sich über Jahrzehnte in die Körper und das Verhalten der Figuren eingeschrieben hat. Gamisch zeigt, wie sich Machtlosigkeit in den Alltag einschleicht – und wie sie sich in kleinen Gesten Bahn bricht. Das Fenster, das heimlich geschlossen wird. Das Geld, das vor dem Zugriff des Schwiegervaters versteckt wird. Das ist kein großer, lauter Widerstand. Aber es ist Widerstand.

Der Körper als Ort der Gewalt

Ein weiteres zentrales Thema des Romans ist der weibliche Körper. Für Lydia ist er, nach allem, was ihr widerfahren ist, kein Ort der Selbstbestimmung, sondern ein Ort, über den andere entscheiden: der Staat, der Ehemann, die Ärzte…

Ihre Erfahrungen setzen sich in der Gegenwart fort. Rina hat Schwierigkeiten, ihre sexuellen Wünsche und Grenzen gegenüber Männern klar zu benennen. Die Art, wie die Frauen in dieser Familie mit Männern umgehen – Konflikte vermeiden, Erwartungen antizipieren, nachgeben, ohne das Nachgeben so zu nennen – hat sich über die Generationen vererbt.

Eine Sprache zwischen den Orten

Was mir beim Lesen außerdem positiv aufgefallen ist: Gamisch macht russische und russlanddeutsche Wörter zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer Figurensprache. „Tjotja“ sagt Valli zu Lydia. „I vsjo!“ beendet ein Gespräch – und Schluss. Diese Ausdrücke sind nicht folkloristisches Beiwerk, sie tragen eine Vertrautheit, für die das Deutsche nicht einfach als Ersatzsprache bereitsteht. Dass der Roman hinten ein „kleines russlanddeutsches Inventar“ (so nennt es die Autorin selbst) mitliefert, finde ich eine nette Geste.

Gamisch kommt aus der Lyrik, und das merkt man dem Roman an. Dazu kommt eine trockene Komik. Sie erzählt die Geschichte nicht als große historische Abhandlung zu erzählen, sondern macht sie in den alltäglichen Gesten und Routinen der Figuren sichtbar, in der Alltäglichkeit des Lebens.

Fazit: Ein Debüt, das nachwirkt

„Parasiti“ ist ein Roman, der sich nicht beeilt. Er nimmt sich Zeit für die Details, für die Momente der Stille, für das, was zwischen den Zeilen steht. Ich habe mich an einigen Stellen gefragt, wohin die Reise eigentlich geht, aber mich trotzdem nie im Buch verloren gefühlt. Und am Ende überwiegt bei mir der Eindruck eines beeindruckend reifen Debüts, das ein großes historisches Thema auf eine persönliche, einfühlsame Weise verhandelt.

Für wen ist das was?

  • Leser:innen, die Familiengeschichten mögen, die Generationen umspannen
  • Alle, die sich für russlanddeutsche Geschichte interessieren
  • Menschen, die mit präziser, ruhiger Prosa etwas anfangen können

Für wen eher nicht?

  • Leser:innen, die schnelle Handlung und viel Plot erwarten
  • Alle, die Bücher nicht ertragen können, in denen sich andere über die Selbstbestimmung über den eigenen Körper hinwegsetzen
  • Menschen, die mit dem Schweigen als Erzählprinzip Schwierigkeiten haben

Bibliographisches zum Buch „Parasiti“

Erschienen bei Verlag Voland & Quist am März 2026
ISBN: 9783863914660
Umfang: 240 Seiten
Preis (Hardcover): 24 €
Link zur Buchseite beim Verlag

Eve Bernhardt

Eve Bernhardt ist in Göttingen aufgewachsen und liest schon so lange sie denken kann. Nach ihrem FSJ Kultur studierte sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie arbeitet als Journalistin und betreibt seit 2020 betreibt ihren eigenen Jugendbuchpodcast.

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