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WER MÖCHTE NICHT IM LEBEN BLEIBEN von Helene Bukowski

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Ich erinnere mich noch, wie ich zu Helene Bukowskis Debütroman „Milchzähne“ gekommen bin: Ein Dozent an der Uni hatte mir das Buch in einem Vorgespräch zur Aufnahmeprüfung ans Herz gelegt. Natürlich habe ich es damals gelesen, die Autorin danach aber erst einmal wieder aus dem Augen verloren. Nun bin ich durch die Nominierung für den Deutschen Buchpreis  wieder auf die Autorin aufmerksam geworden. 

Ihr dritter Roman „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ erzählt von Christina, einer jungen Pianistin. Ihr Leben in der DDR ist von großen Erwartungen, musikalischem Ehrgeiz und dem Wunsch nach Anerkennung geprägt ist. Besonders gereizt hat mich dabei, dass der Roman das Leben einer echten Person nacherzählt, die unter all dem Leistungsdruck zerbrochen ist.

An dieser Stelle ist eine Triggerwarnung angemessen: Das Buch thematisiert den Suizid einer realen Person. 

Worum es in „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ geht

Christina wird Anfang der 60er in Leipzig geboren. Ihr Vater, selbst Opernsänger, erkennt ihr musikalisches Talent früh und fördert sie. Mit elf Jahren kommt sie an eine Spezialschule für Musik, nach dem Abschluss studiert sie am Tschaikowski-Konservatorium in Moskau. Einer großen Karriere steht nichts im Weg. Eigentlich. 

Zurück in der DDR unterscheiden sich die Vorstellungen ihres neuen Mentors sich grundlegend von dem, was sie in Moskau gelernt hat. Gleichzeitig leidet Christina unter gesundheitlichen Problemen und kämpft mit einer Wut, für die sie außerhalb der Musik kaum einen Ausdruck findet.

1985 nimmt sich Christina im Alter von 24 Jahren das Leben.

Helene Bukowski ist durch einen Nachlass auf Schicksal gestoßen. Mithilfe von Aufzeichnungen, Briefen, Fotografien und Tonbandaufnahmen hat sie versucht sich Christinas Leben anzunähern. 

Diese Entstehungsgeschichte hinter dem Roman ist wohl auch Grund für die etwas unkonventionelle Erzählform: Helene Bukowski schreibt als sie selbst als Ich-Erzählerin und spricht ihre Protagonistin Christina immer wieder direkt mit der Du-Form an. Und immer wieder markiert sie, was sie wirklich weiß und an welchen Stellen sie Lücken in Christinas Biographie oder Alltag mit ihren eigenen Vorstellungen davon füllt. 

Das macht den Roman für mich besonders interessant: Er erzählt nicht nur Christinas Geschichte, sondern beschäftigt sich zugleich mit der Frage, wie wir überhaupt Geschichten über andere Menschen erzählen können. Wo endet die Annäherung, wo beginnt die Vereinnahmung? Darf eine Autorin Lücken in einer realen Familiengeschichte mit ihrer Fantasie füllen? Und wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen Biographie und Roman?

Bukowski versucht nicht, diese Fragen zu verstecken. Im Gegenteil: Sie macht sie zum Teil ihrer Erzählung. Ich bin ehrlich: Ein Buch mit einer vergleichbaren Erzählweise habe ich bisher nicht gelesen. Oft wäre sie wohl auch fehl am Platz. Aber umso passender war sie hier.

Zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Erwartungen

Christinas Geschichte ist eng mit den Strukturen der DDR verbunden. Die Spezialschulen und Hochschulen fördern außergewöhnliche Talente, verlangen dafür aber auch Anpassung und Disziplin. Wer es schaffen will, muss sich in ein System einfügen, das individuelle Bedürfnisse nicht in den Mittelpunkt stellt.

Trotzdem wäre es zu einfach, Christinas Schicksal allein auf die politischen Verhältnisse zurückzuführen. Ihre Familie, die Erwartungen ihres Vaters, ihre Einsamkeit und ihre gesundheitlichen Probleme spielen eine Rolle. Das macht auch der Roman ganz deutlich und zeigt, wie verschiedene Belastungen ineinandergreifen können, ohne dass sich daraus eine einzige, eindeutige Erklärung ergibt.

Gerade darin liegt für mich eine Stärke der Geschichte. Bukowski versucht nicht, Christinas Leben und dessen Ende im Nachhinein auf eine Ursache zu reduzieren. Sie lässt Widersprüche stehen.

Fazit: Ein Leben, das sich nicht vollständig erzählen lässt

„Wer möchte nicht im Leben bleiben“ ist ein Roman über eine junge Frau, deren Leben von großen Erwartungen geprägt ist und die immer weniger Raum für sich selbst zu finden scheint. Gleichzeitig ist es ein Buch über Erinnerung, über die Grenzen biografischen Erzählens und über die Verantwortung, die damit einhergeht, die Geschichte eines anderen Menschen aufzuschreiben – und genau dafür einen kreativen, schon innovativen Umgang findet. Wer allerdings eine klassische, geradlinig erzählte Künstlerinnenbiografie erwartet, dürfte von diesem Roman überrascht werden.

Für wen ist „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ etwas?

  • Leser:innen, die sich für Künstler:innenbiografien und die psychologischen Seiten des Leistungsdrucks interessieren
  • Alle, die literarische Romane mit ungewöhnlichen Erzählperspektiven und selbstreflexivem Erzählen mögen
  • Leser:innen, die sich für die DDR, ihre Kulturinstitutionen und die Widersprüche zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichen Erwartungen interessieren

Für wen ist das Buch eher nichts?

  • Leser:innen, die eine klassische, chronologisch erzählte Biografie erwarten
  • Alle, die eindeutige Erklärungen suchen
  • Menschen, die mit ungewohnten Erzählformen und offenen Fragen wenig anfangen können

Bibliographisches zu „Wer möchte nicht im Leben bleiben“

Titel: Wer möchte nicht im Leben bleiben
Autorin: Helene Bukowski
Erschienen im Deutschen bei Ullstein am 2. März 2026
ISBN: 978-3-546-10158-5
Umfang: 384 Seiten
Preis (Gebunden): 24,00 €
Link zur Buchseite beim Verlag

Eve Bernhardt

Eve Bernhardt ist in Göttingen aufgewachsen und liest schon so lange sie denken kann. Nach ihrem FSJ Kultur studierte sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Sie arbeitet als Journalistin und betreibt seit 2020 betreibt ihren eigenen Jugendbuchpodcast.

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