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„Paradise Garden“ habe ich geliebt. Diese Mischung aus Tragik und Komik, diese unbändige Energie der jungen Protagonistin, die sich auf die Suche nach ihrem Vater macht, das hat mich damals an Elena Fischers Debütroman wirklich beeindruckt. Umso gespannter war ich auf ihren zweiten Roman. „Wirf einen Schatten“ schlägt einen etwas anderen Ton an. Leiser, bedachter, weniger wild. Aber nicht weniger berührend.
Worum es in „Wirf einen Schatten“ geht
Joseph sitzt an Heiligabend allein auf seinem Hof in den Bergen. Seine Frau Lis hat ihn vor Monaten verlassen und hat den gemeinsamen Sohn Samuel mit in die Stadt genommen. Seitdem herrscht Funkstille. Der Hof verwahrlost, und Joseph wandert gedanklich immer wieder zu seiner Vergangenheit und all dem, was ihm im Leben verwehrt bleiben wird.
Deshalb hat Joseph für diesen Abend einen Plan gefasst. Mit einer alten Mauser-Flinte will er seinem Leben ein Ende machen. Doch bevor er das in die Tat umsetzen kann, ist jemand an seiner Tür.
Birdie steht davor, eine junge Frau, die erschöpft und auf der Flucht vor ihrer Familie ist. Sie ist schwanger von einem Mann, den sie nicht liebt, und verliebt in eine Frau. Ihr Vater, ein Pfarrer, hat sie verstoßen.
Die Figuren Elena Fischers neuem Buch
Joseph ist das Herz dieses Romans. Ein Mann, der gelernt hat, zu funktionieren, aber nie, zu fühlen. Als Kind war er der „schwache“ und verträumte Sohn, der die Erwartungen des Vaters nie erfüllen konnte.
Beim Lesen spürt man spürt seine Scham, seine Wut auf sich selbst, seine Unfähigkeit, Nähe zuzulassen. Seine Entwicklung im Romans ist entsprechend unauffällig. Es gibt keinen dramatischen Moment, in dem plötzlich alles anders wird. Stattdessen beginnt Joseph Stück für Stück aufzutauen. Gerade diese langsame Entwicklung hat mich sehr berührt.
Birdie, scheint das genaue Gegenteil von ihm zu sein. Ihre Anwesenheit zwingt Joseph dazu, aus sich herauszukommen und holt ihn aus seiner Starre. Trotzdem ist sie – und darüber bin ich sehr glücklich – nicht nur dazu da, um ihn zu retten. Sie hat mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen.
Einsamkeit und Rollenbilder
Die Geschichte spielt in den frühen 60er-Jahren, also in einer Zeit, in der vieles noch anders war, als heute. Eine Frau hat ihren Ehemann damals nicht einfach verlassen. Und wenn doch, musste sie mit massiver gesellschaftlicher Ablehnung rechnen. Noch schlimmer war es, wenn eine Frau ihre Familie verließ, weil sie eine andere Frau liebte. Damit ernten die Schicksale der beiden Hauptfiguren eine weitere gesellschaftliche Dimension.
Immer wieder fällt dabei auch Elena Fischers Schreibstil auf. Der ist leise und beobachtend, manchmal fast poetisch, ohne sich in Gefühligkeit zu verlieren. Na gut, ab und zu schweift sie etwas ins Kitschige, aber ohne dass es unangenehm beim Lesen wird.
Fazit: Ein würdiger Nachfolger, der sich Zeit nimmt
„Wirf einen Schatten“ fordert von seinen Leser:innen etwas Geduld, um sich auf Josephs Welt einzulassen. Aber wenn man es tut, wird man nach und nach hineingezogen. Am Ende fällt der Abschied schwer.
Ich bin froh, dass Elena Fischer nicht versucht hat, ein zweites „Paradise Garden“ zu schreiben. Dieser Roman ist anders, auch wenn man ihre Stimme eindeutig wiedererkennt. Das Buch ist etwas reifer und ruhiger.
Für wen ist „Wirf einen Schatten“ was?
- Leser:innen, die auch leise und charaktergetragene Geschichten mögen
- Alle, die sich für die 1960er Jahre und das Leben auf dem Land interessieren
- Fans von Elena Fischers Debüt „Paradise Garden“
Für wen ist „Wirf einen Schatten“ eher nichts?
- Leser:innen, die Tempo und große Plots erwarten
- Alle, die mit langsamen Erzählungen und vielen Rückblenden fremdeln
- Menschen, die keine Geduld für poetische, bedächtige Sprache haben
Bibliographisches zu „Wirf einen Schatten“
Titel: Wirf einen Schatten
Autorin: Elena Fischer
Erschienen im Deutschen bei Diogenes am 22. Juli 2026
ISBN: 978-3-257-07390-4
Umfang: 304 Seiten
Preis (Gebunden): 25,00 €
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